Cerha Online

Überblick

"Verzweigungen" heißt der letzte Abschnitt von Friedrich Cerhas 1988 entstandenem Orchesterwerk Monumentum. Es ist dem österreichischen Bildhauer Karl Prantl gewidmet und spürt auf musikalische Weise verschiedenen Facetten seiner Steinskulpturen nach. Viele von ihnen liegen in unberührter Natur und gehen oftmals verschlungene Verbindungen mit ihrer Umwelt ein. Cerhas Verzweigungen reflektieren diese Verbundenheit mit der Natur: Eine Skizze zeigt eine verschachtelte Struktur von Tönen, die auf grafisch unmittelbar verständliche Weise einer Pflanze gleicht – von erdigen Wurzelfundamenten bis hin zu filigranen, verwachsenen Ästen und Zweigen. Die beschriebene Skizze lässt sich ebenso auf Cerhas Gesamtwerk beziehen, sowohl auf die unzähligen von ihm verarbeiteten Themen und Anregungen, als auch auf die vielfältigen Verbindungslinien, die sich durch das mittlerweile über 80 Jahre erstreckende Œuvre schlängeln.

Das vom „Science Call Digitalisierung 2017“ des Landes Niederösterreich unterstützte und von Univ.-Prof. Dr. Matthias Henke geleitete Projekt „Cerha Online“ widmet sich der Aufgabe, bereits gewachsene, ebenso wie neu ausgeschlagene Verzweigungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Den Kern der Plattform bildet eine themenorientierte, möglichst barrierefreie Werkschau, in der die Kompositionen Cerhas durch einschlägige Themenfelder aufeinander bezogen werden. So bietet die Online-Präsentation insgesamt zehn verschiedene Zugänge. Neben dem bereits angedeuteten Thema „Kunst der Natur“ beschäftigt sie sich etwa mit Impulsen außereuropäischer Kulturen, mit spielerischen Ansätzen, Nachwirkungen der abendländischen Musikgeschichte oder dem in Cerhas musiktheatralischem Werk mannigfaltig aufgegriffenen Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft. Exemplarisch soll durch die einzelnen Mosaiksteine ein Gesamtbild Friedrich Cerhas und seiner Auseinandersetzung mit der Vielgestaltigkeit der Welt entstehen. Über die persönliche Bedeutung Cerhas hinaus ist die Online-Präsentation aber auch als eine beispielhafte Aufbereitung eines wichtigen Kapitels österreichischer Musikgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg zu verstehen.

Die Forschung anzuschieben und zu vermitteln sind die Hauptanliegen. Durch eine mehrdimensionale Tiefenstruktur ist es möglich, sich erste, eher sinnlich orientierte Anregungen zu verschaffen als auch Detailinformationen zu einer bestimmten Komposition oder zum Quellen- und Archivmaterial zu erhalten. Folglich ist die in deutscher wie englischer Sprache erschließbare Plattform für verschiedene Zwecke nutzbar: als Arbeitsgrundlage des schulischen wie universitären Unterrichts, als Informationsquelle für Konzertveranstalter oder Interpreten und als Anlaufstelle für die Forschung.

„Cerha Online“ versteht sich als ein Ort der Begegnung, der eine fantasievolle, aber auch sachorientierte Annäherung an eine der großen Komponistenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts ermöglicht. Zudem versteht sich das Forschungsprojekt als Prototyp für jene Digitalisierungsprojekte, die sich künftig der Erschließung künstlerischer Vorlässe widmen. Mit „Friedrich Cerha Online“ öffnet das Archiv der Zeitgenossen aber gewissermaßen auch seine Schatzkammern, global und für alle.

In Kooperation mit der Universität Siegen.

Link: cerha-online.com

Eckdaten

 

 
Projektzeitraum

01.04.2019 - 30.09.2021

Fördergeber

Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich m.b.H.

Förderprogramm

Science Call Digitalisierung 2017

Projektverantwortung Dr. Christine Rigler
 

Team

Wissenschaftliche Projektleitung:

Univ.-Prof. Dr. Matthias Henke

Wissenschaftliches Team:

Dr. Marco Hoffmann

Dr. Martina Kalser-Gruber, MSc

MMag. Gundula Wilscher

Simon Wimmer, BA MA

 

 

Aktuelles

Die multimediale Aufbereitung der Quellen aus dem Archiv der Zeitgenossen (Autografen, Skizzen, Fotos, Videoausschnitte und Hörbeispiele) versammelt und verknüpft markante Aspekte der Entwicklung in Leben und im Werk des Komponisten. Eigene Schriften, Korrespondenzen sowie Rezeptionsdokumente aus über 80 Jahren geben Einblicke in Cerhas (Künstler-)Leben, machen Schaffensprozesse sichtbar und spiegeln seine Vorreiterrolle in der österreichischen Musikszene wider. Die Partitur des Abschnitts „Verzweigungen“ aus Cerhas Orchesterwerk Monumentum dient als Modell für die Gestaltung der Website, die die vielfältigen Bezüge zwischen kompositorischer Arbeit, musikalischer Umsetzung und Rezeption zu einer digitalen Werkbiografie zusammenfügt.

Musikwissenschafter Dr. Marco Hoffmann über die Plattform: „Mit ‚Cerha Online’ ist eine Website entstanden, die es in dieser Form kein zweites Mal gibt. Das Projekt vereint Zugänglichkeit und Tiefe: Durch niedrigschwellige Einstiege und sinnlich aufbereitete Archivalien wird jede:r dazu eingeladen, in das Werk des wohl bedeutendsten lebenden Komponisten Österreichs einzutauchen. Die Betrachtungen in der innovativen Werkschau eröffnen tiefe Einblicke in die Musik und stellen diese auch ins Zentrum. Gleichzeitig werden Fäden zu diversen Themenkreisen gespannt, die den Rahmen des rein Musikalischen öffnen, Querbeziehungen mitdenken und interdisziplinäre Sichtweisen ermöglichen. So fügt sich ein Projekt zusammen, das Musik auch in inhaltlich breitem Rahmen vermitteln will – und zwar nicht nur einem ausgewiesenen Fachpublikum.“       

Die Datenbank versteht sich auch als Prototyp für zukünftige Digitalisierungsprojekte künstlerischer Vorlässe. Archivalische Schätze bleiben nicht mehr in den Tiefen des Depots verschlossen, sondern erhalten in dieser digitalen Kuratierung eine vollkommen neue Form multimedialer Präsenz.

Virtuelle Entdeckungsreise

Der portraitierte Friedrich Cerha zeigt sich ob des modernen Zugangs zu seinem Schaffen erfreut: „Selbst noch off-line, wünsche ich dem Projekt ein neugieriges Publikum, das Lust darauf hat, den reich vernetzten Verzweigungen zu folgen, die dieses Portrait bietet.”

Eine lebendige Entdeckungsreise wünscht sich auch Projektleiter Univ.-Prof. Dr. Matthias Henke für die Nutzer:innen der Seite: „Menschen, die gern durch eine Landschaft wandern, kennen das Phänomen. Manchmal kann man sich gar nicht satt sehen, schreitet fort und fort, um hinter der Biegung des Weges neue Schönheiten zu entdecken, immer wieder. Ich wünsche mir, dass es den Besucher:innen von ‚Cerha Online’ ebenso ergeht.”

Link: cerha-online.com